Warum habe ich Fibromyalgie und was sind die Ursachen dafür? Warum habe ICH Fibromyalgie und meine Geschwister nicht? Was ist in meiner frühen Kindheit passiert? Welche Rolle spielt es, wie ich aufgewachsen bin? Diese oder ähnliche Fragen stellt sich vielleicht jede, jeder die/ der an Fibromyalgie oder einer anderen chronischen Erkrankung leidet. Auch Psychologen und Ärzte fragen häufig danach. Zu Beginn einer Psychotherapie zum Beispiel, wird immer eine Anamnese erstellt im Rahmen derer stellen Psychologen gerne die Frage: „Was denken Sie, warum Sie Fibromyalgie haben?“ Diese Frage hat mich eher irritiert. Ich bin dieser Frage lange verzweifelt aus dem Weg gegangen, obwohl ich gespürt habe, dass die Fragen berechtigt sind und mit meinem Kranksein zu tun haben. Lange Zeit war meine Familie für mich „unantastbar“, ein TabuThema. Ich wollte für mich und meine Familie das Bild der glücklichen Kindheit aufrechterhalten.

Ein kindliches Trauma? So, wie ich groß geworden bin, konnte das nicht sein. In meiner Vorstellung war das nur in Familien möglich, in denen es Gewalt, Alkoholismus und Missbrauch gab. Bei uns aber war alles in Ordnung. Meine Eltern waren die „VorzeigeEltern“, ich war oft mega stolz sie als Eltern zu haben. Sie waren so unglaublich modern und offen im Vergleich zu den Eltern meiner Freundinnen. In meinen Augen waren sie großzügig und gaben uns viele Freiheiten. Was ich über Jahre als Freiheit interpretiert hatte, war letztlich nichts anderes als Überforderung im Alltag und resultierend daraus emotionale Vernachlässigung und Gleichgültigkeit.

Was hat mich dazu bewogen mein Bild über meine Kindheit zu relativieren und eine im Wortsinn Ent – täuschung zuzulassen? Wie ist es mir gelungen meine Schuldgefühle und die Scham zu überwinden?

In meinem Fall hat die Psychotherapie einiges ins Rollen gebracht ! Ich weiß nicht, ob ich ohne Therapie meinen aktuellen Wissensstand über mich und meine Kindheit hätte. Darüber hinaus hatte ich beruflich die Chance durch Fortbildungen Selbstreflexion und Selbsterfahrung zu üben. Innerhalb einer dieser Fortbildungen lernte ich die Bindungstheorie kennen und begann mich intensiv mit dem Thema zu beschäftigen, bis ich zu der Frage kam: “Wie ist eigentlich mein Bindungsverhalten und lassen sich Rückschlüsse ziehen auf meine frühe Kindheit?”  Ich verstand, dass ich ein sog. “unsicher gebundenes Kind” war und dass die Ursache meiner Erkrankung eine frühe Bindungsstörung ist. Ich wollte eine Erklärung dafür haben und wissen, ob ich auch ein traumatisiertes Kind bin. Aber als ich bereit war das „positive Glanzbild“ meiner Kindheit beiseite zu schieben und mir die negativen Seiten anzuschauen, war da zunächst nichts, ein schwarzes Loch, eine beängstigende Leere.

Angefangen hat alles in der Klinik Lahnhöhe Ich war für fünf Wochen stationär dort und bei dem Aufnahmegespräch sagte die Ärztin: „Heutzutage geht man davon aus, dass die Fibromyalgie durch nicht verarbeitete Traumata in der Kindheit oder eine besondere belastete Familiensituation entstehen kann. Können Sie sich an Ihre Kindheit gut erinnern? Hat es traumatische Erlebnisse gegeben?“ „Ähm, nein, ich stamme aus einer normalen Familie und bin eher ein behütetes Kind!“ , lautete meine Antwort. Am Ende der fünf Wochen, in denen ich täglich an den psychotherapeutischen Gruppensitzungen teilgenommen hatte, wusste ich einiges mehr über mich. Überrascht hat mich vor allem, dass Ausmaß meiner eigenen Verdrängung. Mein Entsetzen galt aber auch der Erkenntnis über die vielen Lügen und Verschleierungen in unserer Familie. In was für einer „tollen“ Familie bin ich nur groß geworden!

Mein Vater war ein dominanter egoistischer Mensch, der uns allen, meiner Mutter, meinen beiden Geschwistern und mir seine Vorstellungen vom Leben und seinen Willen aufgedrückt hat. Wenn er mit uns gespielt oder sich mit uns beschäftigt hat, dann nur weil sich das zufällig mit seinen Bedürfnissen gedeckt hat. Sein Leben war das Geschäft, das Haus, das neue Auto und seine Hobbys. Kindererziehung und Haushalt waren Nebensache und blieben meiner Mutter überlassen. Meine Mutter aber wollte nie dreifache Mutter sein, sie hatte ganz andere Pläne und hat sich oft darüber beklagt, ihr Leben “verpfuscht” zu haben. Als sie mit meinem Bruder ungewollt schwanger war, drohte sie an einer Depression zu erkranken und bekam eine siebenwöchige Kur verordnet. Ich war damals gerade mal sieben Monate alt und die Frage war: wohin jetzt mit dem Baby? Wie gut, dass sich das von katholischen Nonnen geführte Kinderheim bereitwillig meiner annahm. In den sechziger Jahren war die Trennung von Mutter und Säugling bei einem Krankenhausauenthalt durchaus normal. Heute ist hinlänglich bekannt, dass diese frühe Trennung von Mutter und Kind ein frühkindliches Trauma bedeutet und das Risiko für eine psychosomatische Erkrankung im späteren Leben erhöht.

Ein weiteres traumatisches Erlebnis in meiner Kindheit ist der Tod meiner besten Freundin Andrea und ihrer beiden Eltern. Es geschah an einem heißen Sommertag 1974 in den Sommerferien. Ich war mit Ach und Krach in die zweite Klasse versetzt worden, was ich zum Teil Andrea zu verdanken hatte, die mir in allen schulischen Belangen geholfen hatte. Wenn ich mal wieder meine Hausaufgaben vergessen hatte, hat sie mich in der Pause abschreiben lassen. Wurde ich auf dem Pausenhof gehänselt, trat sie mutig dazwischen und beschütze mich. Ich war ein kleines zierliches Kind, kleiner als die alle anderen, schüchtern und Daumenlutscherin. Mit der Klassensituation, 40 Kinder in einer Klasse, war ich überfordert und ich quälte mich vom ersten Schultag an.

Jetzt waren endlich Ferien und ich konnte die Schule für sechs Wochen hinter mich lassen, ich war glücklich! An diesem besagten Tag kam morgens, es war schon ziemlich heiß, der weiße VW Käfer der Familie G. auf unseren Hof gefahren. Sie wollten einen Ausflug zu einem großen Badesee machen und mich mitnehmen. Aus irgendeinem Grund durfte ich nicht mitfahren und ich war schrecklich enttäuscht. Weinend winkte ich dem Käfer nach. Andrea und ihre kleine Schwester Ingrid konnte ich nicht sehen, sie wurden von einem riesigen Gummiboot auf der Heckablage verdeckt.

Am gleichen Abend, ich hatte die Enttäuschung längst vergessen, kam meine Mutter ins Kinderzimmer. Aschfahl und geschockt, denke ich, aber daran kann ich mich nicht erinnern. Ich saß mit meinen beiden Geschwistern auf dem Teppichboden, um uns herum Spielsachen und wir waren in ein Rollenspiel vertieft. Sie teilte uns teilnahmslos mit, dass Andrea und ihre beiden Eltern tödlich verunglückt seien. Sigrid war die einzige, die den Unfall überlebt hatte, sie war fünf Jahre alt. Dann wurde nur noch über den Unfall gesprochen: Andrea und ihre Mutter waren an der Unfallstelle gestorben, ihr Vater wenige Stunden später im Krankenhaus. Ein LKW-Fahrer hatte die Vorfahrt missachtet und zwar noch ehe die Familie den Badesee erreichte. Ich kann mich sehr genau an das Gefühl erinnern, was ich in dem Moment hatte. Die Nachricht drang nicht zu mir durch, alles klang so unwirklich. Ich saß stumm da, war wie gelähmt, wie erstarrt.

Am nächsten Tag wurden am Frühstückstisch die Fotos aus den Zeitungen herumgegeben und gezeigt. Meine Mutter erzählte uns Kindern am Frühstückstisch (!), der Kopf von Andrea sei bei dem Unfall aufgeplatzt und ihr Gehirn hing am Kopf ihrer Schwester, so dass die Rettungsleute zunächst nicht wussten welche von den beiden Schwestern betroffen war. Danach drehte sie sich, angewidert von der Vorstellung, weg.

Was war mit mir? Ich weinte nicht, ich konnte nicht weinen, auch nicht auf der Beerdigung. Ich war acht Jahre alt und fühlte mich schlecht deswegen und schämte mich. Ich fragte mich, was mit mir los sei, ob irgendetwas mit mir nicht stimmt. Heute weiß ich, dass ich unter Schock stand und dringend Hilfe benötigt hätte. Noch Jahre später hatte ich deswegen große Schuldgefühle. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich mir selber die Frage stellte: “Andrea war deine beste Freundin, warum kannst du nicht weinen? Alle anderen weinen doch auch!” Ich kam zu dem Schluss, dass ich mir unsere Freundschaft nur eingebildet hatte und sie mir in Wahrheit nichts bedeutet hat. Ich verzieh mir nie, dass ich noch am Leben war und sie nicht. Manchmal wünschte ich, ihre Eltern hätten mich mit genommen und ich wäre tod.

Der Alltag ging weiter und ich ging nach den Sommerferien wieder in die Schule. Meine Lehrerin erwähnte den Tod von Andrea nur kurz und fing schnell mit dem Unterricht an. Sie sagte kein einziges persönliches Wort zu mir, ich hatte einfach zu funktionieren. Ab diesem Tag wurde ich in der Grundschule von meinen Mitschülern gemobbt. Ich war mit Abstand die Kleinste, wurde deshalb von meinen Mitschülern und vermeintlichen Freundinnen massiv gehänselt und war nicht in der Lage mich zu wehren. Auch der aggressiven Angriffe meiner Lehrerin, die anscheinend auch ein leichtes Opfer in mir sah, konnte ich mich nicht erwehren. Mir ist es über sieben Jahre nicht gelungen eine echte Freundin zu finden und war ein einsames Mädchen mit einem massiven Minderwertigkeitsgefühl.

Zurück zu der Eingangs gestellten Frage: Warum habe ich Fibromyalgie? Ist die Antwort so einfach, klipp – klapp: Trauma in der Kindheit = Fibromyalgie? Sicher nicht. Aber für Psychotherapeuten besteht schon lange ein Zusammenhang zwischen Traumata in der frühen Kindheit und psychosomatischen Erkrankungen. Neuere Studien im neurowissenschaftlichen Bereich zeigen jetzt, dass auch das Immunsystem in Mitleidenshaft gezogen werden kann und traumatisierte Menschen im späteren Leben leichter an Herz – und Kreislaufleiden, Krebs, Autoimmunerkrankungen wie Rheuma, Asthma und an Fibromyalgie erkranken. Vorreiter und Herausgeber mehrerer Bücher zu dieser These ist Professor Christian Schubert, Arzt und Psychologe und Leiter des Labors für Psychoneuroimmunologie der Universitätsklinik für Medizinische Psychologie und Psychotherapie in Innsbruck. Bei meiner Recherche bin ich auf den Artikel „Die frühe Kindheit und der späte Schmerz“ von Klaus Wilhelm (Psychologie heute – Mai/ 2014) gestoßen, in dem auch Schubert zu Wort kommt. Außer ihm werden drei verschiedene  Studien aus dem Bereich der Psychoneuroimmunologie zitiert, die eindeutig eine Verbindung zwischen Psyche und Immunsystem belegen. Zum Beispiel gehen Experten der John Hopkins University in Baltimor (USA) davon aus, dass eine frühkindliche Belastung einer “Verschiebung der sog. Th1/Th2 Zellen die für die Körperabwehr zuständig sind, zur Folge hat. Aufgrund dieser Verschiebung ist das Stresssystem dauerhaft überaktiviert“ und manifestiert sich noch Jahrzehnte später im Körper.

Ich fühle mich durch den Artikel endlich bestätigt und meine Frage, warum ich Fibromyalgie habe, ist damit hinreichend beantwortet.

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