Eine Gegenwart mit Fibromyalgie

Eine wunderschöne Hochzeit

Kann ich trotz Fibromyalgie meiner Arbeit nach gehen?

Meine Biographie – Teil II

Wenn ich mir die Gegenwart anschaue, kann ich sage, dass mein Leben ist ruhiger geworden. Ich schaue auf 28 Jahre Arbeit als Erzieherin zurück und kann sagen, dass ich meinen Beruf immer geliebt und mit Herzblut ausgeübt habe. Wechselnde Arbeitgeber und viele verschiedene Weiterbildungen gaben mir wechselnde Herausforderungen. Es war nie langweilig! Trotzdem hatte ich lange den Wunsch mich als Elternberaterin oder Kindertherapeutin zu qualifizieren. Dazu hat mir allerdings ein Diplom gefehlt. Meine beiden Versuche zu studieren, musste ich jeweils abbrechen. Als allein erziehende Mutter war ich auf eine regelmäßige Arbeit angewiesen, weshalb ein Studium finanziell einfach nicht drin war.

Meine Familie war mir immer wichtiger als die Arbeit

Mit meinem neuen Partner kam neues Glück und Lebensfreude in mein Leben. Meine Kinder waren elf und fünfzehn Jahre alt, als sie ihn kennen lernten. Wie alle Trennungskinder waren sie zunächst skeptisch. Die gemeinsamen Abende, die wir mit kochen, essen, spielen und reden verbracht haben, sind zu einen Ritual geworden. Wir hatten von Anfang an wahnsinnig viel Spaß miteinander, konnten Quatsch machen und uns kaputt lachen. Unsere erste gemeinsame Reise kam einer Generalprobe gleich: vier Wochen zelten in Frankreich – seit dem sind wir eine große Familie. Wie viel Mut gehört dazu in so einer Konstellation (mein Partner ist 12 Jahre älter als ich und hat einen Sohn, der inzwischen 38 Jahre alt ist) zusammen zu ziehen?

Zwischen lieb gewonnenen Ritualen, schönen wertvollen Gesprächen, dem Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit und einer Angst vor dem Unbekannten mussten sie sich entscheiden.

Wir haben insgesamt sechs Jahre als Patchworkfamilie zusammen gelebt und wunderschöne, sowie Konfliktreiche Zeiten miteinander gehabt. In meiner Gegenwart ist mir meine Familie das Wichtigste auf der Welt. Inzwischen sind meine Kinder vierundzwanzig und siebenundzwanzig Jahre alt und wohnen in ihren eigenen Wohnungen. Zum Glück wohnen sie gleich um die Ecke und haben immer noch Spaß an gemeinsamen Spielabenden.

Mein Partner und ich haben letztes Jahr  im Mai geheiratet. Das war immer ein Traum von mir und es war eine Traumhochzeit!

Ich bin seit vier Jahren krank geschrieben und kann nicht mehr arbeiten.

Gesundheitlich ging es schon lange nicht mehr. Aufgrund der Fibromyalgie war die Arbeiten eigentlich kaum oder gar nicht möglich. Warum ich trotzdem so lange als Erzieherin gearbeitet habe, ist schwer zu erklären. Die Arbeit mit den Kindern, den Eltern und vor allem den Kollegen hat mich immer motiviert. Die Entscheidung meinen Beruf endgültig an den Nagel zu hängen, ist mir verdammt schwer gefallen. Um so mehr genieße ich es jetzt Zeit für mich zu haben und nicht mehr funktionieren zu müssen. Ich habe eine Erwerbsminderungsrente beantragt und das Verfahren läuft noch. Das Warten auf einen hoffentlich positiven Bescheid ist nicht angenehm, aber ich habe mich inzwischen an diesen Zustand gewöhnt.

Mehr Ruhe und  Genesung ohne Arbeit

Mit der vielen Zeit und der Ruhe in meinem Leben, kam meine Kraft und Energie zurück. Ich bewege mich jeden Tag,  gehe spazieren oder fahre mit dem Fahrrad. Mein Yoga kann ich leider zur Zeit nicht machen, aber ich habe gelernt meine Aktivitäten meiner Gesundheit anzupassen. Im Moment mache ich leichte Übungen auf dem Hocker.  Ich gehe immer novh meiner Leidenschaft Kochen nach, lese viel und liebe es immer noch abends aus zu gehen. Kino, Theater, Konzerte oder Tanzen gehen, ohne dem könnte ich nicht leben. Meine Krankheit nimmt Raum ein, denn ich kann sie nur händeln, wenn ich meine Tagesform ernst nehme und nicht über meine Grenzen gehe. Es kann gut sein, dass ich an einem Tag alle meine Vorhaben streichen muss, weil mein Körper mir sagt, dass ich Ruhe brauche. Gut ist, dass ich inzwischen weiß: das bleibt nicht so. Sobald es mir wieder besser geht starte ich neu durch.

Meine Arbeit aufzugeben war eine schwere, aber gute Entscheidung

Wenn Menschen ihre Arbeit verlieren und so wie ich aus gesundheitliche Gründen nicht mehr arbeiten können, geht es ihnen häufig sehr schlecht. Auch ich habe lange Zeit nicht wahrhaben wollen, dass ich nicht mehr arbeiten kann. Bis heute vermisse ich meine Art  die Kolleginnen und die Herausforderung. Meine neue Herausforderung ist, deshalb nicht ewig zerknirscht  zu sein oder noch schlimmer, mir selber keine Vorwürfe zu machen.

Ich habe mir hingegen vorgenommen meine Zeit zu nutzen und mache Kurse und damit neue Erfahrungen an der VHS Berlin. Ich mache Workshops und Reisen und ich lasse keine Möglichkeit aus etwas für meinen Körper zu tun. In regelmäßigen Abständen mache ich Präventionskurse über die Krankenkasse und ich habe an einem Achtsamkeitstraining teil genommen. Drei Jahre lang habe ich eine Sorge  Schematherapie gemacht. Die Therapie hat mir sehr geholfen und mir Mut gemacht mit meinem Handicap zu leben. Und davon profitiere nicht nur ich. Ich glaube meiner Familie, insbesondere meinem Mann und meinen Kindern geht es auch besser, wenn sie erleben, dass ich mich meinen Schwächen stelle, mich meiner bewusst werde und in Konflikten klarer meine Position vertreten kann. Seit zwei Jahren nehme ich an einer Gruppentherapie teil. Ich kann in der Gruppe viele Themen aus meiner Herkunftsfamilie und meiner Kindheit neu verarbeiten. Das Thema Arbeit spielt auch noch immer eine Rolle.

Und doch kann ich sagen: seitdem ich nicht mehr arbeite und ich mehr und mehr zur Ruhe gekommen bin, habe ich eine Wahrnehmung für das bekommen, was mir in meinem Leben wichtig ist. Ich kann wieder wertschätzen, was mich manchmal belastet hat. Mein Leben ist lebendig, bunt und ich bin voller Ideen und Visionen. Was vielleicht wie ein Widerspruch klingt, Ruhe und Lebendigkeit, ist für mich ein perfektes Lebensgefühl. Aus der Ruhe heraus kann ich Kraft schöpfen. Lebendigkeit, Kreativität, Lust, Spontanität, die Basis dafür ist immer die Ruhe.