Fibromyalgie – gibt es Chancen auf Heilung?

Fibromyalgie ist unheilbar, oder doch nicht?

Die Fibromyalgie begleitet mich jetzt schon seit Jahrzehnten und die Hoffnung auf Heilung ist nicht besonders groß. Aber wie sagt man so schön: „Die Hoffnung stirbt zuletzt!“.

Als ich mit Anfang dreißig die Diagnose bekam und mich der Arzt mit der Aussage konfrontierte, die Krankheit sei unheilbar, habe ich das nicht glauben wollen und hatte eine ganz andere Meinung dazu. Meine Affinität zur Naturheilkunde und der Homöopathie ließen mich zuversichtlich sein. Ich habe im Laufe der Jahre alle möglichen Behandlungen und Therapien, von der Homöopathie, zur anthroposophischen Medizin bis zur Akkupunktur ausprobiert und habe zehn Jahre lang auf eine schulmedizinische Behandlung verzichtet. Irgendwann habe ich auch zu Schmerzmittel gegriffen und mich in die Hände einer Schmerztherapeutin begeben.

Am Ende wurde ich von allen möglichen Heilsversprechungen bitter enttäuscht. Bei Methoden, die Heilung versprechen bin ich äußerst skeptisch geworden. Und doch gibt es für mich einen vielversprechenden Weg, eine Methode, die nicht unbedingt Heilung verspricht, dem Menschen aber die Möglichkeit gibt die Selbstheilungskräfte zu aktivieren und eine Krankheit wie die Fibromyalgie zu ergründen und irgendwann vielleicht auch zu überwinden.

Die Mind – Body – Medizin

Die Methode, von der ich spreche, heißt „Mind – Body – Medizin“ . In Deutschland gibt es den etwas sperrigen Begriff „Ordungstherapie“ dafür, der auf Max Birchner- Benner und Sebastian Kneip zurück geht. Mit der Mind – Body – Medizin ist eine komplexe Methode bestehend aus verschiedenen Modulen, die darauf abzielen die Interaktion zwischen Geist, Körper, Gehirn und Verhalten so zu verbessern, dass eine Heilung chronischer Erkrankungen wie Migräne, Bluthochdruck, Arthrose, Fibromyalgie viele andere Erkrankungen möglich macht. Allerdings setzt das voraus, das die Betroffenen bereit sind ihren Lebensstil zu verändern. Und zwar geht es um die Stärkung eines gesundheitsfördernden Alltags.

In Berlin hat sich das Immanuel Krankenhaus in der Abteilung für Naturheilkunde auf die Mind – Body – Medizin unter der Leitung des Chefarztes Prof. Dr. Andreas Michalsen spezialisiert und er spricht von „großen Erfolgen“ mit dieser Methode. Allerdings sagt Prof. Dr. Michalsen auch:

 «Es gibt keine Blitzheilungen. Eine Krankheit, die sich über Jahre aufgebaut hat, kann nicht durch eine Meditation oder eine Yoga-Stunde geheilt werden. Aber ohne Mind-Body Medicine werden wir kaum die dramatisch zunehmenden chronischen Krankheiten bezahlbar in den Griff kriegen.»

Prof. Dr. Andreas Michalsen

Fibromyalgie und Heilung – ein langer Weg

Ich hatte 2015 das Glück an einem zwölf wöchigen Programm in der Tagesklinik des Immanuel Krankenhauses in Berlin teilnehmen zu dürfen. Für dieses Programm müssen die Teilnehmer*innen viel Geduld mit bringen. Über zwölf Wochen fanden einmal wöchentlich Gruppentreffen über jeweils sieben Stunden statt. In dieser Zeit wurde uns das Konzept der Mind – Body – Medizin erklärt und verschiedene Methoden der einzelnen Module erprobt. Die Säulen der Mind – Body -Medizin sind Bewegung, Atmung, Entspannung, Ernährung und Selbsthilfe. Neben der Praktischen Übungen gab es eine wöchentlich stattfindende Visite eines Arztes, der die Teilnehmer der Gruppe begleitet und Aufgaben für zu Hause. Die Gruppenleitung hatte eine sogenannte „Ordnungstherapeutin“ inne. Sie hat die Gespräche moderiert und die praktischen Anwendungen geleitet.

Unsere Therapeutin von damals heißt Britta Jörg* und sie hat inzwischen einen eigenen Blog, bietet Workshops und Kurse an und arbeitet immer noch im Immanuel Krankenhaus Berlin.

(*die neue Homepage von Britta mit allen Kursen und Terminen befindet sich im Aufbau und wird an dieser Stelle verlinkt, sobald sie online ist)

Die Gruppentreffen waren strukturiert durch den Teil „Rückblick“, „wie ist es euch in der letzten Woche ergangen?“, der danach folgenden Arzt – Visite, einem Teil in dem wir neuen Input bekamen, einer Bewegungseinheit und einer aktiver Entspannung.

Welche Art der Bewegung ist für mich geeignet

In dem Modul Bewegung ging es zum einen um Ausdauertraining, wie Walking oder Nordic Walking und um aktivierende Bewegungsmethoden, aus dem Qigong oder Yoga. Sie dienten dazu die Mobilität und Kondition, den Muskelaufbau und Körperwahrnehmung zu stärken. Besonders für Menschen mit Fibromyalgie ist Bewegung ein heikles Thema. Sehr häufig machen Patient*innen die Erfahrung, das die Schmerzen nach jeder Art von Sport zu nehmen und über mehrere Tage quälende Schmerzen zur Folge hat. Das hält die Betroffenen oft davon ab, sich überhaupt zu bewegen. Für mich war das „Achtsame Yoga“ von Jon Kabat Zinn und die Morgenübung aus dem Qigong, die Britta uns zeigte, der Wiedereinstieg in eine schmerzfreie und wohltuende Bewegung.

Das Immanuel Krankenhaus in Berlin verfügt über einen sehr schönen Park und sofern das Wetter es zuließ, haben wir Walking und Qigong und einmal auch eine Gehmeditation draußen gemacht.

Für die Gruppensitzungen und die Yoga – Einheiten, sowie die Entspannungsübungen stand uns ein gemütlicher gut ausgestatteter Raum zur Verfügung.

Heilung durch Meditation und Entspannung

Britta hat uns mehrere Methoden zur aktiven Entspannung vorgestellt und mit uns geübt. Auf diese Weise haben wir ein breites Spektrum kennen gelernt und jede*r von uns hatte die Möglichkeit, die für sich passende Methode zu finden. Wir haben die „Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen“, verschiedene Meditationen, wie die „Metta – Meditation“ und Atem – Meditationen, sogenannte „Minis“ (auf die Atmung konzentrierte Techniken, die schnelle Angst – und Spannungsreduktion fördern), Phantasiereisen und Achtsamkeitsübungen kennen gelernt.

Das Prinzip der Achtsamkeit und die verschiedenen Achtsamkeitsübungen sind ein Eckpfeiler der Therapie und mündete in einen „Tag der Achtsamkeit“ an dem wir die gesamte Gruppensitzung schweigend miteinander verbrachten. Abgesehen von der Feedback – Runde am Ende des Tages, wurde auch während der Pausen nicht gesprochen. Dieser Tag und meine Erfahrungen mit mir selbst, haben mich tief beeindruckt.

Der Schlüssel der Achtsamkeitspraxis liegt nicht so sehr im Objekt unserer Aufmerksamkeit, sondern in der Qualität der Aufmerksamkeit, die wir jedem Moment entgegenbringen. Außerordentlich wichtig ist, dass die Aufmerksamkeit einem stillen Zusehen, einem unparteiischen Beobachten gleicht, das nicht bewertet oder die inneren Erfahrungen ständig kommentiert. Ein reines, urteilsfreies Wahrnehmen der Moment-zu-Moment-Erfahrung hilft uns zu sehen, was in unserem Geist geschieht, ohne dies zu verändern oder zu zensieren, ohne es zu intellektualisieren oder uns in unaufhörlichem Denken zu verlieren.

abor seminare/ Achtsamkeit leben – Achtsmkeit lehren

Eine gesunde Ernährung – was ist gesund?

Im Rahmen des mehrwöchigen Programms spielte die Ernährung auf vielfache Weise eine Rolle. Die Teilnehmer*innen lernten viel über eine mediterrane Vollwertküche und punktuell auch eine Ernährungsweise aus chinesisches Medizin. Wir besprachen zum Beispiel in der Visite die Vorteile eines warmen Frühstücks aus Haferflocken oder Hirse. Menschen mit Fibromyalgie sollten möglichst wenig tierische, sondern viel pflanzliche Lebensmittel zu sich nehmen. Da ich mich fast ausschließlich vegan ernähre, wurden die Vorschläge und Rezepte für mich darauf abgestimmt und das gemeinsame Kochen mit einer Ernährungsberaterin auch. Es wurden auch individuelle Ernährungsprobleme besprochen. Inzwischen hat die Lehrküche ein „pflanzenbasiertes Menü“ im Programm.

Eine gesunde Ernährung kann für die Heilung einer chronischen Krankheit förderlich sein und ist deshalb auch eine wichtige Säule der Mind – Body – Medizin.

Kommunikation und negative Gedanken

Viele Diskussionen in der Gruppe und ein großer Gesprächsbedarf Einzelner gab es bei dem Thema Kommunikation. Dabei ging es um die Kommunikation mit Anderen, aber auch um die Frage „Wie kommuniziere ich mit mir selbst?“. Die eigenen negativen Gedanken ausfindig machen, alte Glaubenssätze erkennen und Stress im Alltag erkennen zu können, spielt eine große Rolle darin, wie ich mit meinem Umfeld und mit mir klar komme. Wir haben das an der Methode der „kognitiven Umstrukturierung“ geübt, bei der es darum geht zu erkennen, das Gedanken verzerrt, unlogisch und unwahr sein können und wie sich diese kritischen Gedanken umwandeln lassen in realistische und positive Gedanken. Diese Methode eignet sich auch, um Grübeln und kreisende Gedanken zu stoppen und sich nicht von den negativen Gedanken beherrschen zu lassen.

Für mich waren die Praktischen Übungen besonders hilfreich und ganz besonders in Bezug auf meine Fibromyalgie konnte ich davon profitieren.

Eine andere empfohlene Methode ist das sogenannte „Morgenseiten schreiben“, was ein intuitives Schreiben bedeutet und mir persönlich viel Aufschluss über meine negativen Gedanken gegeben hat.

Unsere „Hausaufgaben“

Allwöchentlich bekamen wir im Anschluss der Gruppensitzung eine neue Aufgabe für die Woche. Dazu gehörten eine halbe Stunde Ausdauertraining, selbstständig durchgeführte Yogaübungen oder Qigong, eine tägliche Entspannung und die Ernährungsumstellung. Wir wurden dazu angehalten einen täglichen „Tagesrückblick“ zu machen. Die Erfahrungen der einzelnen Teilnehmer*innen wurden in der Gruppe reflektiert.

Mir persönlich hat die Gruppe und die Gruppendynamik sehr geholfen am Ball zu bleiben und das Erlernte in meinen Alltag zu integrieren.

Hilfreich war auch das schriftliche Formulieren der eigenen Ziele mit Hilfe der AROMA- Formel. Auch das haben wir einige Male geübt und als Aufgabe für zuhause mit bekommen.

Selbstheilungskräfte aktivieren und Selbsthilfe üben

Alle diese von mir beschriebenen Angebote und Methoden liegen dem Grundkonzept der Mind – Body – Medizin zugrunde, nämlich der Aktivierung der Selbstheilungskräfte und und der Selbsthilfe. Beides kann dazu führen, dass Menschen mit einer chronischen Erkrankung die Krankheit überwinden können oder zumindest die Lebensqualität trotz Krankheit zu erhöhen. Patient*innen mit chronischen Schmerzen können meist von einer besseren Schmerzbewältigung und Schmerzlinderung profitieren.

Zusätzlich gibt es weitere Bereiche der Selbsthilfe, wie den der Hydrotherapie nach Sebastian Kneipp und die Anwendung von Hausmitteln der Naturheilkunde. Auch hier haben wir gemeinsam praktische Übungen gemacht und alle bekamen einen Ordner mit umfangreichen Anleitungen von Hausmitteln inklusive eine kleine Kräuterkunde.

Fünf Jahre später

Meine Teilnahme an dem Gruppenprogramm der Tagesklinik des Immanuel Krankenhauses liegt fünf Jahre zurück und interessant ist, wie es mir seit dem ergangen ist. Das Mind – Body – Medicine – Programm war mir nicht ganz neu, aber hier in der Gruppe neuen Input zu bekommen und die Möglichkeit zwischendurch zuhause zu üben, hat mein Leben dauerhaft verändert. Zwar haben die Therapien und das aktive Anwenden keine Heilung gebracht, aber ich hatte spürbar weniger Schmerzen, mein Umgang mit Stress hat sich verbessert und die immer wiederkehrenden negativen Gedanken konnte ich umwandeln in ein positives Selbstbild.

Ich habe viele verschiedene Dinge in meinen Alltag integriert und bin fast zwei Jahre kontinuierlich dabei geblieben und bis heute sind mir viele Sachen präsent. Sie sind für mich wie ein Werkzeugkoffer ausgestattet mit hochwertigem Werkzeug.

Leider hatte ich in den letzten eineinhalb Jahren zusätzlich zur Fibromyalgie heftige Schmerzen wegen einem Bandscheibenvorfall und einem Wirbelgleiten. Alle Maßnahmen aus der konservativen Therapie haben bisher nicht geholfen und ich denke über eine Wirbelversteifung nach. Das ist eine ziemlich heftige Operation und heute hatte ich die Idee mich durch Elemente der Mind – Body – Medizin auf die Operation vorzubereiten. Ich denke dabei hauptsächlich an Meditation, sanftes Yoga Anwendungen von Hausmitteln und eine homöopathische Behandlung. Gleiches werde ich in der Zeit der Rekonvaleszenz versuchen.

Damit erhoffe ich mir eine schnelle Heilung und vor allem Schmerzfreiheit nach der Operation

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