Fibromyalgie und Corona keine gute Kombi

Fibromyalgie und Corona – wie geht es mir während der Coronakrise?

Ich sitze im Garten bei uns im Kreuzberger Hinterhof in einem Korbstuhl in eine Decke gehüllt. Hier unten kommt kaum Sonne hin und es ist immer etwas frisch. Über mir wächst ein Dach aus frischen Ahornblättern und die Vögel geben ein schönes Konzert. Ansonsten ist es ruhig und ich genieße es hier alleine zu sitzen. Mein Kopf ist voll mit Fragen:Was bedeutet Fibromyalgie und Corona für mich? Was machen der Coronavirus und die ganzen Einschränkungen mit mir? Wie gehe ich damit um, dass jetzt alle meine Therapien weg fallen? Und wie kann ich mich vor dem Virus schützen?“


Seit sechs Wochen befinden wir uns jetzt im „Lockdown“, alles hat sich verändert und Berlin ist nicht wieder zu erkennen. Die Straßen sind leer, der Spielplatz vor unserem Haus auch und es herrscht eine befremdliche Stille. Ich lebe schon seit 30 Jahren in Berlin, aber so habe ich diese Stadt noch nicht erlebt. Manchmal genieße ich die Ruhe und Leere auf den Straßen, in den Supermärkten und bei uns im Haus. Heimlich denke ich: „Von mir aus kann das so bleiben!“ Ich leide oft unter Reizüberflutung und darunter, wenn mir fremde Menschen physisch zu nahe kommen. Die jetzige Situation ist für mich ideal.


Horrorfilm Corona


Ich bin in den letzten Wochen durch verschiedene Phasen gegangen und dabei ist meine Stimmung mal gut und mal bin ich total verunsichert und in Sorge.


Die ersten schrecklichen Bilder aus Italien und Spanien haben mich schwer erschüttert. Wochenlang vorher gab es bei uns schon nur noch ein Thema: Corona! Wir haben Freunde in Italien und haben unabhängig von den Medienberichten die Informationen hautnah von unseren Freunden erzählt bekommen. Dann rückte die Bedrohung auch in Deutschland näher und ich lebte in einem Coronafilm. Ein Kopfkino mit Horrorszenario in der Endlosschleife!

Sämtliche Fernsehberichte, Nachrichten,Talkshows und Podcasts zu dem Thema habe ich aufgesogen, je mehr Infos, desto besser. Nachts fand ich kaum in den Schlaf, drehte mich von einer zu anderen Seite. Die kalte Angst hatte mich im Griff und eines morgens wachte ich mit dem Gedanken auf: „Wenn ich Covid 19 bekomme, überlebe ich das nicht!“


Meine Freundin meinte, so dürfe ich nicht denken. Es sei wichtig gerade jetzt positiv zu denken, ansonsten wäre das „self – fulfilling – prophecy“. Normalerweise hätte ich ihr Recht gegeben. Normalerweise bin ich ein sehr positiver Mensch. Jetzt bin ich in einer Situation, in der ich mir eine reale Bedrohung nicht schön reden kann. Ich habe Fibromyalgie, ein schlechtes Immunsystem (ich nehme in der Regel jeden Virus mit, der in meine Nähe kommt), Bluthochdruck und ich bin 53 Jahre alt. Mit anderen Worten, ich gehöre zur Risikogruppe!

Meine Angst vor dem Virus ist real! Ich muss mich, so gut ich kann schützen. Aus diesem Grund haben mein Mann und ich uns schon weit vor dem Lockdown in die freiwillige Isolation begeben. Nach einer Woche wurde mir klar, dass ich diesen Wahnsinn stoppen muss. Das schien nicht einfach zu sein, aber letzendlich musste ich nur die Stopptaste drücken, sowohl beim Fernsehen, als auch auf meinem Tablet. So einfach!

Die kreative Phase in Zeiten von Corona

Der erste Schritt war getan, ich habe einfach die Zeiten, in denen ich mich mit dem Thema Corona beschäftigt habe, eingeschränkt und nur noch dosiert Fernseher geguckt oder Podcast gehört.

Dann habe ich mich hin gesetzt und mir einen Tagesplan gemacht, wie einen Stundenplan in der Schule. Darin habe ich Zeiten festgelegt für Aktivitäten wie Rückenübungen, spazieren gehen Entspannungsübungen. Auch eine Rubrik „Zeit für mich“ und für kreative Dinge legte ich fest. Am Ende des Tages habe ich in einem „Tagesrückblick “ jeden Tag zwei Dinge aufgeschrieben, die mich glücklich gemacht haben. Ein weiterer fester Bestandteil in meinem Tagesablauf wurde mein „Corona – Tagebuch“, in dem ich mein Befinden und Gefühle, sowie Gedanken zu der Situation festhalte und Fakten und neuste Entwicklungen in der Politik hinein schreibe. Das ist inzwischen zu einem morgendlichen Ritual geworden und es hat mir sehr geholfen diese neue Situation zu verarbeiten. Im Vordergrund steht für mich dabei immer die Frage: „Was ist mit Corona und Fibromyalgie? Wie verhindere ich, dass meine Symptomatik schlimmer wird?“

Da ich nicht mehr zum Rehasport gehen kann, musste ich etwas finden, was mir hilft mobil zu bleiben. Ein sehr schmerzhaftes Wirbelgleiten macht mir gerade sehr zu schaffen, aber die Übungen auf dem Hocker von Gabi Fastner sind ideal für mich.

Heute im Radio gehört: „Kreative Menschen können mit der Coronakrise und der Isolation besser umgehen und es geht ihnen oft gar nicht so schlecht in dieser Krise!“


Na das ist ja wunderbar! Ich bin ein kreativer Mensch und mir fällt immer etwas ein. Zufällig stieß ich Anfang März beim Zeitung lesen auf eine Mitteilung vom Gesundheitsamt Essen. Hier wurde eine Nähanleitung für eine Mundnasenmaske veröffentlicht. Also packte ich meine Nähmaschine aus, kramte alle Stoffreste zusammen, die ich noch hatte und legte los. Das Ergebnis waren zehn Masken am ersten Tag! Zunächst hatte ich an Masken für meine Familie gedacht, aber das Nähen hat mir so viel Spaß gemacht, ich habe einfach weiter genäht. Es hat mir geholfen mich selber zu beruhigen und mir das Gefühl gegeben, in dieser Coronakrise helfen zu können. Nur wohin mit all den Masken? Ich hängte einen Zettel im Haus auf: „Masken zu verschenken!“

Die Resonanz war nicht besonderes groß, weshalb ich auf die Idee kam meine Masken bei nebenan.de zu verschenken. Ich wurde fast überrollt mit Anfragen. Jeden Tag habe ich genäht und jeden Tag kamen Menschen die dankbar waren für dieses wunderbare Geschenk. Ich habe insgesamt 160 Masken genäht und kam mit dieser Aktion sogar ins Fernsehen in die Abendschau bei „Berlin – zusammen schaffen wir das!“

Über die Wirksamkeit von Mundnasenmasken wurde ausgiebig in der Presse diskutiert und es gibt immer noch Menschen, die das tragen von einem Mundschutz für Unsinn halten. Ich habe relativ früh den Eindruck gehabt, dass es insofern Sinn macht die Dinger zu tragen, als das es einen Schutz für die Anderen bedeutet. Und wenn alle sie tragen, schützen wir uns gegenseitig. Als in dem Podcast vom ndr „Das Corona Update“ mit Christian Drosten die Wirkung von Mundschutzmasken besprochen wurde, fühlte ich mich bestätigt.

Schmerzen bremsen mich aus

Wenn das, was dir Spaß macht Schmerzen verstärkt, geht eine Tür zu.

Nach etwa drei Wochen, in denen ich täglich ein bis zwei Stunden genäht habe, muss ich das Projekt stoppen. Fibromyalgie und Corona vertragen sich scheinbar nicht gut. Meine Rückenschmerzen sind erheblich schlimmer geworden und auch meine Hände und Arme tun jetzt weh, obwohl ich zum Ausgleich jeden Tag meine Übungen gemacht und mich entspannt habe. Mir war von Anfang an bewusst, dass das passieren wird. Wie oft habe ich diese Situation schon erlebt? Wie oft in meinem Leben musste ich etwas aufgeben, was ich leidenschaftlich gerne tue? Es ist jedes mal ein Gefühl, als ginge eine Tür zu und du weißt, dass du den Raum dahinter nie wieder oder für eine lange Zeit nicht betreten kannst. Statt dessen fühlt sich alles um dich herum leer und grau an.

Dieses Gefühl sollte nicht zu groß werden und zu viel Raum bekommen, weshalb ich andere kleine Projekte startete. Meine Blumenkästen am Fenster bepflanzen, Ostereier bemalen und eine bunte Corona – Collage basteln.

Aber irgendwann sind mir die Ideen ausgegangen und eine große Lustlosigkeit machte sich in mir breit. Allmählich ist mir die Isolation zu viel geworden. Die Ruhe und Gelassenheit der letzten Wochen schlug um in Sorge, Angst und Einsamkeit. Meine Kinder nur draußen und im Abstand von 1,5 Metern zu sehen und nicht in den Arm nehmen zu dürfen, ist zu einer Art emotionalen Stress geworden. Ebenso die Tatsache, dass uns seit Wochen keine Freunde mehr besuchen kommen. Alle erlauten Kontakte mit Abstand werden zu einem schmerzhaften Erlebnis. Meine Freundin, die mir erzählt sie habe seit fünf Wochen niemanden gedrückt, nicht trösten zu können tut weh. Wir stehen uns hilflos gegenüber, beide mit Tränen in den Augen. Inzwischen bin ich so nah am Wasser gebaut, dass ich weinen muss, sobald ich eine rührende Szene im Fernsehen sehe oder gar lese.

Dabei bin ich nicht mal alleine! Wie geht es wohl den vielen Menschen, die alleine wohnen und niemanden haben?

Ich verbringe jetzt fast den ganzen Tag mit meinem Mann in der Wohnung und bin sehr dankbar dafür. Wir verstehen uns sehr gut und können und gegenseitig unterstützen. Trotzdem fehlt mir ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Durch die Fibromyalgie ist es mir oft nicht möglich draußen unterwegs zu sein, in Kneipen zu gehen oder ins Kino und Theate. Statt dessen bekommen wir sehr häufig Besuch von unseren Kindern und Freuden.

Corona und Fibromyalgie bedeutet mehr emotionalen Stress

Stress verschlimmert die Schmerzen von Menschen mit Fibromyalgie, weshalb Stress möglichst vermieden werden sollte.

Die Coronakrise mit Lockdown und allen anderen Einschränkungen hat schwerwiegende Folgen für mich. Sämtliche Therapien, wie Physiotherapie und Rehasport, sowie meine wöchentliche Gruppentherapie fallen von heute auf morgen weg. Soziale Kontakte funktionieren hauptsächlich über Telefon und Skype. Die Sorge mich infizieren zu können oder jemand aus der Familie könnte sich infizieren, ist mehr oder weniger jeden Tag präsent. Manchmal macht mich die Angst wahnsinnig und an anderen Tagen gelingt es mir die positiven Effekte des Lockdowns zu genießen. Manchmal reicht tatsächlich ein längeres Telefonat mit meiner Tochter oder einer Freundin und schon geht es mir besser.

Interessant ist, das die Isolation und das „Sich getrennt fühlen von seinen Lieben“ Schmerz erzeugt und zwar passiert das in den gleichen Gehirnarealen, in denen ein Schmerz signalisiert wird, wenn wir uns in den Finger schneiden. Das erklärt Dr. Julia Fischer sehr anschaulich in einem ihrer Erklärvideos.

Dieser emotionale Schmerz und damit einhergehende Stress kann für Menschen, die wie ich dauerhaft Schmerzen haben, fatale Folgen haben. Die Schmerzen und die Erschöpfung können sich verschlimmern. Damit das nicht passiert ist es jetzt besonders wichtig gut für sich zu sorgen. Für mich sind die alltägliche Routine, wie das gemeinsame kochen und tägliche Rituale noch wichtiger geworden.

Jeden Tag suche ich neue Rezepte heraus. Es ist jetzt so wichtig geworden eine schöne Mahlzeit zu kochen und für eine gesunde Ernährung sorgen. Wir trinken jeden Tag einen selbstgemachten Ingwer – Shot und grüne Smoothies. Noch wichtiger sind die intensiven Gespräche mit meinem Mann. Wir reflektieren jeden Tag unsere Situation, machen uns gegenseitig Mut und Gefühle wie Wut und Trauer, Angst und Sorge, sind kein Tabu.

Ich finde, mir gelingt das alles eigentlich ganz gut und im großen und ganzen bin ich bisher gut durch die Krise gekommen. Trotzdem geht es mir in Bezug auf Fibromyalgie und Corona mit jedem Tag schlechter. Aber das gehört eben auch dazu und solange ich mich nicht von den Schmerzen in den Klammergriff nehmen lasse, solange ich die schönen Momente eines Tages genießen kann, ist alles gut.

Hauptsache wir bleiben gesund!

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