Bist du nicht den ganzen Tag high?

Ich liege auf meiner Yogamatte in eine Decke gehüllt und genieße meinen Zustand. Ich fühle mich wie Pudding. Mein ganzer Körper ist Pudding, Muskeln, Knochen und Haut. Ich bin tiefenentspannt und nein, ich bin nicht high. Die Frage bekomme ich, seitdem ich Cannabisblüten verdampfe, häufig als erstes gestellt: “Bist du dann nicht high?”    

Früher habe ich gelegentlich, aber insgesamt sehr selten, auf Partys an einem Joint gezogen, wenn einer herum ging. Aber schon als Jugendliche stellte ich fest, dass ich nicht zu den Menschen gehöre, die gerne bekifft sind. Ich mag diesen Zustand gar nicht und habe mich deshalb eher davon ferngehalten. Jetzt verdampfe ich plötzlich täglich Cannabisblüten und zunächst musste ich mich tatsächlich mental darauf einstellen. Auch mein Körper muss sich noch daran gewöhnen und so bin ich noch in der Testphase.  

Meine ersten Erfahrungen mit Cannabis

Vor sechs Wochen habe ich mit meiner Ärztin besprochen, dass die Cannabistherapie bisher keinen Erfolg gezeigt hat und ich deshalb auf Blüten umsteigen möchte. Angefangen habe ich meine Cannabistherapie mit Dronabinol in Form von Kapseln und nachdem ich das Gefühl hatte, keine wirkliche Schmerzlinderung zu erzielen, habe ich ein Cannabis – Öl mit dem Namen Tilray Extrakt THC 10/ CBD 10 eingenommen. Anfangs war die Wirkung gut, ich fühlte mich etwas entspannter und schlief besser. Leider ließ nach nur kurzer Zeit die Wirkung nach. 

Vor dem Gespräch mit meiner Ärztin habe ich ganz viel über Cannabisblüten bei chronischen Schmerzen gelesen, wobei ich auf einen interessanten Artikel gestoßen bin. In einer vor kurzem durchgeführten Studie ist man zu dem Ergebnis gekommen, dass bei Schmerzerkrankungen, wie der Fibromyalgie ein besonders hoher THC Wert sehr wirkungsvoll sein kann. Ich bekam ein Rezept für die Cannabisblüten und einen Vaporizer. Hierbei handelt es sich um einen MIGHTY von der Firma Storz & Bickel. Die Kosten für den Vaporizer hat die Krankenkasse übernommen. Die Blüten heißen Bedrocan und werden in den Niederlanden hergestellt. Es ist ein für Produkt mit einem hohen THC Wert von 22 % und einem niedrigen CBD Wert von 1 %. Das THC in der Cannabispflanze sorgt bekanntermaßen dafür, dass man sich high fühlen kann.  

UND WIE FUNKTIONIERT DAS MIT DEM VERDAMPFEN?

Ich bekomme meine Blüten fertig zerkleinert aus der Apotheke und kann sie so, wie sie sind verwenden. Die Apotheken hier in Deutschland sind dazu verpflichtet die Blüten zu zerkleinern, nur so, meinte mein Apotheker, ist gewährleistet, dass der immer gleiche THC Gehalt verdampft wird. Für mich als Patientin ist es extrem wichtig, dass die Qualität und der Level zwischen THC und CBD immer exakt gleich ist, damit eine Behandlung gelingen kann.

Die Handhabung mit dem Vaporizer ist ganz einfach und in der Beschreibung gut erklärt. Das Auffüllen der Kapseln mit dem Cannabis erfordert etwas Fingerspitzengefühl, das muss ich aber nur alle drei Tage machen. Lediglich die wöchentliche Reinigung des Vaporizers ist etwas aufwendig. Meine ersten Verdampf – Versuche waren noch sehr zaghaft und ich kam mir etwas seltsam vor, denn auch ich habe bei den Gedanken an Cannabis immer die Assoziation “Kiffer” im Kopf und bin nicht frei von Vorurteilen und Klischees. Ich wollte mich auf keinen Fall high fühlen, denn wie gesagt, diesen Zustand mag ich überhaupt nicht. Also fing ich mit zwei drei zaghaften Zügen an und wartete die Wirkung ab. Diese kam schnell, schneller als erwartet. Ich fühle mich sofort entspannter, ruhiger und “gemütlicher”. 

Was hat sich für mich verändert?

Seit ich Cannabis verdampfe bin ich in der Lage ganz gemütlich auf dem Sofa zu sitzen und zu entspannen!  Das war mir bisher nicht möglich, obwohl es manchmal danach ausgesehen hat. Mein Körper ist immer in Aufruhr, es brennt und zieht in mir, meine Muskeln sind immer leicht angespannt und verkrampft. Es fühlt sich so an, als zöge innerlich ein Band an meinen Muskeln, zieht und zerrt an ihnen, bis sie sich nicht mehr entspannen können und alles weh tut.

Ein gemütlicher Abend auf dem Sofa sieht so aus: Ich muss dauernd die Position wechseln, weil ich nach wenigen Minuten nicht mehr auf dieser Stelle sitzen kann. Meine Haut brennt und mich ergreift heftige Unruhe, ausgelöst durch den permanenten Muskelschmerz. Meine jahrelange Erfahrung mit der Fibromyalgie und den Umgang mit Schmerzen machen es mir möglich trotzdem ruhig zu bleiben und einen entspannten Eindruck zu machen. Aber auch wenn ich meine Entspannungsübungen und Mediationen durchführe, spüre ich diese Unruhe. Manchmal fühlt es sich an, als wenn mein Blut kocht, ein ständiges blubbern und pochen, verbunden mit einem angespannten Muskeltonus. Nur ganz langsam lösen sich während der geleiteten Übung die Muskeln und Tonus, oft aber nur für einen kurzen Moment. 

Mit dem Cannabis ist alles anders! Ich verdampfe inzwischen über den Tag verteilt 1 – 1,5 g Bedrocan, immer in kleinen Dosen und kleinen Abständen, also ein, zwei Züge alle halbe Stunde. Morgens nach dem Aufstehen brauche ich mehr, weil ich morgens immer die heftigsten Schmerzen habe. Vor dem Schlafen verdampfe ich auch etwas mehr, weil es sehr Schlaf – fördernd wirkt. Es hat eine Weile gedauert, bis ich die richtige Dosierung herausgefunden habe. Am Anfang ist mir auch mal schwindelig geworden und ich hatte ein leichtes “High – Gefühl”. Inzwischen habe ich ein gutes Gefühl dafür, wo die Grenze liegt. 

Mein erstes Fazit

Mit der Wirkung des Bedrocans bin ich mehr als zufrieden. Ich bin insgesamt viel ruhiger und gelassener. Es hilft mir runter zu kommen und bremst mich ein weinig aus. Oft fühle ich mich wegen der Fibromyalgie, den dauernden Schmerzen und all den anderen Symptomen völlig erschöpft und gleichzeitig wie “getrieben”. Das ist jetzt viel weniger geworden. Ich kann ruhig sitzen und aus dem Fenster gucken oder lesen und meine Schmerzen sind nur im Hintergrund ganz leise da. An manchen Tagen habe ich sogar einen Mittagsschlaf gemacht, tagsüber schlafen geht bei mir normalerweise nie!  

Bei der Meditation habe ich festgestellt, dass ich in einen länger andauernden Entspannungsmodus komme und gleichzeitig viel fokussierter bin. Ich kann mich besser konzentrieren, auch bei alltäglichen Tätigkeiten.  

Mein Ziel, möglichst alle Medikamente, die ich wegen der Fibromyalgie genommen habe, abzusetzen, habe ich erreicht. Das allein ist ein großer Erfolg.  

Bleibt abzuwarten, ob ich auch längerfristig von der Cannabistherapie profitieren kann.