Heute möchte ich euch von meinen Erfahrungen mit der Rentenkasse berichten. Wie ihr vielleicht mitbekommen habt, bin ich ausgebildete Erzieherin und als ich noch berufstätig war, habe ich immer sehr gerne und mit viel Herzblut gearbeitet. Seit Juli 2014 bin ich allerdings arbeitsunfähig. Im Frühjahr 2015  habe schweren Herzens und nach langem und hin und her einen Antrag Erwerbsminderungsrente gestellt. Wie zu erwarten wurde mein Antrag abgelehnt. Ich habe Widerspruch eingelegt und musste nach einer  unglaublich langen Wartezeit zu einer Begutachtung. Ein Neurologe und Psychiater lud mich zur Begutachtung ein. So ein Termin nimmt mich leider extrem mit. Ich kann es nicht leiden, durchleuchtet zu werden, Fragen gestellt zu bekommen, die ich niemals ohne weiteres einem fremden Menschen beantworten würde. Fragen zu meiner Lebenssituation, zu meiner Familie, meinen Eltern, meinen Kindern und meinem Lebensgefährten. Fragen die unter Umständen wirklich sehr intim sind. Aber was soll’s! Im Rahmen dieses Gutachtens bin ich verpflichtet die Wahrheit zu sagen und auch meine Anwältin hat mir geraten möglichst so aufzutreten, wie ich wirklich bin und alles Fragen wirklich ehrlich zu beantworten.

Das Ergebnis dieses Gutachtens war: Wenn ich mich endlich einer psycho-pharmakologischen Behandlung unterziehe bin ich bald wieder arbeitsfähig. Der Widerspruch wurde abgelehnt!

Das ist natürlich völlig absurd, weil ich einer Depression erkrankt bin und auch keine Persönlichkeitsstörung habe, sondern ein Fibromyalgie – Syndrom , dessen Ursache im Grunde noch nicht weitreichend erforscht ist. Man spricht zwar von einer psychosomatischen Erkrankung, aber wie hoch der seelischer Anteil ist und inwieweit organische Ursachen vorliegen, weiß man bis heute noch nicht.

Das wollte ich mir nicht gefallen lassen und ich habe mich dazu entschieden gegen die Rentenkasse zu klagen. Die Klage wurde durch meine Anwältin beim Sozialgericht eingereicht und dann hieß es wieder warten. Nachdem ich mehrere Monate vergeblich auf eine neue Begutachtung wartete, musste die dafür beauftragte Ärztin erst noch vom Sozialgericht aufgefordert werden. Dann endlich bekam ich wieder eine Einladung zur Begutachtung. Diesmal beauftragt vom Sozialgericht. Und auch dieses Mal wurde die Begutachtung durch eine Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie durchgeführt.

Jetzt saß ich bei einer Frau, die ich zunächst als angenehmer und empathischer empfunden hatte, als der Arzt bei der ersten Begutachtung. Trotzdem war auch dieser Termin für mich der Horror. Sie hat mich ähnlicher Weise über mehrere Stunden befragt, danach hat sie mich untersucht um einen allgemeinen Gesundheitszustand festzustellen und anschließend musste ich noch diverse Fragebögen ausfüllen.

Danach war ich fix und fertig und hätte am liebsten nur noch geheult. Schon auf der Heimfahrt war mir klar, das auch dieses Gutachten nicht zu meinem Gunsten aus fallen wird. Das Gespräch und die Befragung von dieser Ärztin ging im Grunde genommen in die gleiche Richtung, wie beim ersten Mal. Meine Beeinträchtigung durch die Fibromyalgie wurde extreme in Frage gestellt. Im Grunde war diese Sub – Botschaft: Fibromyalgie ist eine eingebildete Krankheit die es nicht gibt! Vielmehr sind meine Verhaltensweise und Charakterschwächen Grund für meine Schmerzen und arbeitsfähig bin ich dann, wenn ich eine Einsicht habe und mich bemühe meine Schwächen zu erkennen.

Sie hat alle von mir beschriebenen Symptome nicht ernst genommen und stattdessen meine äußerliche Erscheinung als Indiz dafür genommen, dass es mir gut geht und ich arbeitsfähig bin. So schreibt sie z.b. unter der Rubrik “allgemeiner Gesundheitszustand” .… Die Klägerin hat rot lackierte Fußnägel, trägt Schmuck und hat ein gebräuntes Dekolleté!

Ich finde es äußerst fragwürdig, vom äußerlichen Erscheinungsbild auf eine Erkrankung zu schließen bzw. aufgrund meines gepflegten Aussehens eine Beeinträchtigung auszuschließen. Darf ich nicht gepflegt aussehen, weil ich chronische Schmerzen habe? Muss ich mich für meine Körperpflege entschuldigen? Meiner Meinung nach sind solche Äußerungen im Kontext einer gutachterlichen Aufgabe absolut unangemessen und nicht gestattet. Ich empfinde sie als höchst diskriminierend.

Aber das ist längst noch nicht alles. Mehrere Hinweise in dem Gutachten, die ich als diskriminierend empfunden habe und mit dem ich mich nicht ein verstehen entstanden erklären kann.

Sie kommt zum Beispiel zu dem Ergebnis, dass ich zwar Schmerzen habe, aber keine Beeinträchtigungen durch die Schmerzen. Denn wenn ich in der Lage bin, zweimal in der Woche 15 Minuten Yoga und 15 Minuten Nordic Walking machen kann, bin ich auch arbeitsfähig.

Sie schreibt in dem acht zehnseitigen Gutachten: „Hier ist zu konstatieren, dass die Angabe einer chronischen Erschöpfung bei Durchsicht des Berichtes und Angaben, dass die Klägerin zweimal wöchentlich Nordic Walking machen 15 Minuten täglich Yoga übe und häufig Fahrrad fahre, kritisch zu hinterfragen ist.“

und an anderer Stelle heißt es:

“….Die Klägerin kann von Fortführung intensiv Physio- als auch Sport therapeutischer Maßnahmen, vom copingmechanismen im Umgang mit chronischen Schmerzen als auch stationäre multimodale schmerztherapeutischen Behandlungsansätze profitieren….”

Tatsache ist, dass diese von mir geschilderten Aktivitäten Teil eines von vielen Ärzten empfohlenen Therapieprogramms sind. Die Fachliteratur spricht von einem multi-modalen Behandlungskonzept, gemeint ist eine Kombination aus Bewegungstherapie, Medikamenten, individueller physikalischer Therapie, Entspannungsverfahren und falls notwendig Psychotherapie. Und in diesem Sinne sind auch meine Aktivitäten zu betrachten. Ich versuche tagtäglich durch die mir empfohlen Therapien trotz meiner Schmerzen eine gewisse Lebensqualität zu erhalten. In der Realität sieht es aber so aus, dass ich an manchen Tagen keinen einzigen Teil dieser „Selbsttherapie“ durchführen kann.

An mindestens drei von sieben Tagen kann ich weder mein Yoga machen, noch irgendeine andere sportliche Tätigkeit durchführen, weil mir die Kraft dazu fehlt.

Da meine Schmerzen auch oft in Schüben auftreten, kann ich phasenweise so gut wie gar nichts machen. Im Moment kann ich schon seit mehreren Wochen nicht mal mehr Fahrrad fahren, was bisher für kurze Strecken einigermaßen machbar war. Dadurch bin ich in meiner Mobilität noch mehr eingeschränkt. Unklar ist, ob ich jemals wieder Fahrrad fahren kann, um nur ein Beispiel zu nennen.

Aber ich gebe den Kampf mit der Rentenkasse nicht auf. Noch habe ich Mittel, die mich hoffen lassen, dass ich am Ende meine Rente bewilligt bekommen. Mein Glück ist, dass ich eine Rechtsschutzversicherung habe und ich weiteres Gutachten erstellen lassen konnte. Falls ich den Prozess verliere, wird mich das 1500 € kosten, was hoffentlich nicht der Fall sein wird.

Leider musste ich auch dieses Mal mehrere Monate auf die Einladung zu einer Begutachtung warten. Diesmal hat das Gutachten Facharzt für Schmerztherapie erstellt. In diesem Gespräch hatte ich zum ersten Mal mit einem Menschen zu tun, der nicht herablassend unvoreingenommen war. Im Gegenteil, dieser Arzt hat mir zunächst die Richtlinien, nach denen ein Gutachten verfasst werden muss erklärt, nachdem er mir ein Glas Wasser anbot und mir sagte, dass er gerne ein Gespräch auf Augenhöhe mit mir führen möchte. Die Fragen waren eigentlich ähnlich derer, die ich in den anderen beiden Gesprächen schon gestellt bekommen hatte, aber der Habitus war ein ganz anderer. Außerdem tippte der Arzt meine Antworten direkt in den Computer, las mir vor was er geschrieben hatte fragte mich ob das okay sein. Es war eindeutig zu spüren, dass er Erfahrungen mit mit Fibromyalgie hat, dass er die Erkrankung gut kennt und aus dem heraus was ich erzählen konnte, war im schnell klar, dass ich nicht mehr arbeitsfähig bin aufgrund meiner Symptomatik. Bis jetzt hat er das Gutachten noch nicht geschrieben, aber er hat mir versichert dass es zu meinen Gunsten ausfallen wird.

Für mich bedeutet das zunächst erstmal wieder warten. Warten auf das Gutachten und auf die Entscheidung des Sozialgerichts.

Seit Antragstellung sind jetzt mehr als drei Jahre vergangen und manchmal geht mir diese Warterei sehr an die Nieren. Nicht zu wissen was mich in der Zukunft erwartet ist fürchterlich hab mir nicht selten meine nächtlichen Schlaf. Ich weiß dass die Sozialgerichte in Berlin hoffnungsvoll überlastet sind, so dass ich davon ausgehen kann, das ganze Prozedere noch mindestens ein halbes Jahr dauert. Mit dieser Ungewissheit zu leben macht mich richtig fertig. Vor allem weil ich nicht weiß, was ich machen soll wenn ich wieder abgelehnt werde. Aber daran will ich jetzt erstmal nicht denken.

Ich bin froh, dass ich mich zu diesen Schritten entschieden habe und will auf keinen Fall aufgeben. Es macht mich auch ein bisschen stolz, dass ich der Rentenkasse die Stirn bieten kann. An manchen Tagen fühle ich mich deshalb besonders stark, trotz meine Erkrankung!