Wie lange ich die Zähne zusammen gebissen und nach diesem Motto gelebt, gearbeitet und gelitten habe, weiß ich nicht so genau. Ich kann mich aber gut daran, dass das irgendwann nicht mehr funktioniert hat. Wie aber sonst lässt sich auf Dauer mit den FibromyalgieSchmerzen leben? Für mich ist ganz klar: ich will mir mein Leben nicht durch die fibro verderben lassen. Ich will mich nicht dauernd mit dem Thema beschäftigen und den Schmerzen nicht zu viel Raum geben.

Meine Schmerzen habe ich schon seit ich denken kann und auch wenn sie damals als „Wachstumsschmerzen“ bezeichnet wurden, weiß ich heute, dass es die Anfänge der Fibromyalgie waren und typisch sind für diese Erkrankung. Vielleicht hatte ich Glück, denn meine Schmerzen waren, nicht so wie heute, dauerhaft und immer da. Ich kann mich gut daran erinnern, dass sie, sobald ich mich spielend, laufend, rennend oder Fahrrad fahrend bewegt habe, weg waren, spurlos verschwunden. Als Kind bringst du noch diese natürliche Naivität und einen immerwährenden Optimismus für das eigene Erleben mit und so dachte ich stets: „Jetzt ist es vorbei – jetzt kommen diese Schmerzen nie wieder!“

Vielleicht habe ich auch gar nichts dergleichen gedacht und habe die kindliche Gabe besessen im Moment zu leben und in der Begeisterung des Spiels meine Schmerzen zu vergessen.

Ein Phänomen, was mir bis heute vertraut geblieben ist. Wahrscheinlich werde ich die Frage danach nie klar beantworten können. Irgendwann haben entweder meine Schmerzen zugenommen oder der kindliche Optimismus abgenommen.
Ich war keine vierzehn Jahre alt, als sich die Schmerzen nicht mehr ignorieren ließen und auch nicht das Gefühl, dass mit mir irgendetwas nicht stimmt. Ich hatte aber normal zu sein, etwas anderes war gar nicht denkbar, weshalb ich nicht nur so tat als sei alles okay, sondern selbst daran glaubte.

Spätestens im Alter von 25 Jahren habe ich aus heutiger Sicht das „Vollbild der Fibromyalgie“ und gleichzeitig einen irren Ehrgeiz, genau das nicht wahrhaben zu wollen, besessen. Ich habe dreimal in der Woche Jiu-Jitsu trainiert (das Training war ziemlich hart) und bin jedes Wochenende zweimal zum tanzen in den Club gegangen und habe sehr exzessiv und schweißtreibend getanzt. Ich habe Vollzeit und mit der Begeisterung einer Berufsanfängerin als Erzieherin gearbeitet. Bei allem hatte ich den eisernen Willen mich nicht von den Schmerzen unter kriegen zu lassen und konnte der Fibromyalgie einiges entgegensetzten. Ich war ein pures Energiebündel, voller Kraft und Lebensfreude und hatte tatsächlich das Gefühl, dass es mir gut geht, je mehr ich mich bewege. Die geilen Partys, der Alkohol und das Gefühl mich kann so schnell nichts umbringen, mein politisches Engagement und das Leben in einer Großstadt wie Berlin, haben mich über meine Schmerzen hinweg sehen lassen. Am Wochenende war ich immer unterwegs auf Demos oder stundenlang im „Plenum“, ich habe Plakate bemalt und „Farbeier“ befüllt. Da war kein Platz für Schmerzen.

Mit 29 Jahren war ich zweifache Mutter und auf ganz anderer Weise gefordert im trotzdem gleich gebliebenen Modus: voller Energie, voller Einsatz, hundertprozentig da und immer begeistert. Mein Leben als Mutter hat mich erfüllt und mir enorm viel Kraft gegeben. Vom „Punk“ bin ich zur Mutti mutiert und wollte meinen Kindern keine gute, sondern eine super supergute Mutter sein. Ich las mich durch gefühlt tausende Seiten pädagogischer Ratgeber und wusste Bescheid über’s Stillen und nicht stillen, impfen und nicht impfen, im Tragetuch tragen oder nicht tragen, vollwertige selbstgemachte Babynahrung, Stoffwindeln oder Pampers.

Ich war für alles Expertin. Nur nicht für mich! Nicht für das Wahrnehmen meiner Schmerzen und Grenzen. Profi im ignorieren und Zähne zusammen beißen.

Das Ganze hat allerdings einen Haken: irgendwann klappt das mit dem ignorieren nicht mehr und dein Körper greift zu massiveren Mitteln.

Eine gute Freundin hat mir damals schon Yoga empfohlen und ich bin ihr bis heute dafür dankbar. Allerdings habe ich nach meinen ersten Yogastunden niemals gedacht, dass ich mich darin heimatlich fühlen könnte. Yoga war mir nicht nur fremd und unangenehm, sondern hat mir meine Schmerzen erst recht bewusst gemacht. Warum in Gottes Namen sollte ich damit weiter machen? No way!
Widerwillig absolvierte ich deshalb meinen ersten Yoga – Kurs, mehr oder weniger meiner Freundin zuliebe und weil ich bezahlt hatte. Dann kamen Schwangerschaft und entsprechende Kurse dazu. Ich lernte Yoga für Schwangere kennen und bekam einen anderen Bezug zum Yoga. Ich weiß nicht ob ich mich mehr auf die „Reise nach Innen“ einlassen konnte oder ob es mein Baby war, mein kleiner Sohn, der mir den Weg zu mir gezeigt hat. Mir wurde meine Disharmonie im eigenen Körper bewusst und ich lernte mich besser zu spüren. Durch die Vorstellung ein „goldener Strahl ziehe von der Kopfkrone durch meinen Körper, durch das Becken bis in die Erde“, fühlte ich mich nicht nur geerdet, sondern auf ganz besondere Weise mit meinem Baby im Bauch verbunden.

Seit dem ist Yoga nicht mehr aus meinem Leben wegzudenkenden. Ich habe Yogakurse als Präventionskurse über die TK  gemacht. Lernte Jon Kabat Zinn kennen und praktizierte mehr oder weniger jahrelang zuhause und in verschiedenen Studios Yoga.
Vor zwei Jahren habe ich Vinyasa Yoga für mich entdeckt. Beim Vinyasa Yoga geht es darum in einen gewissen Flow zu kommen, ohne dabei über die eigenen Grenzen zu gehen. Ich versuche immer noch zuhause Yoga zu üben, aber im Moment gehe ich dazu ins Studio. Ich habe das Glück, dass ich genau das richtige Studio mit genau den richtigen Yogalehrern gefunden habe und es mir auch finanziell leisten kann. Jahrelang konnte ich das nicht und träumte davon, mir das irgendwann leisten zu können. Mir fällt es manchmal trotzdem enorm schwer mit Schmerzen ins Studio zu gehen. Nicht selten schreit mein ganzer Körper nach Ruhe und will einfach nur liegen bleiben. In dem Moment hilft mein altes Prinzip: „Zähne zusammen und durch“…..sonst bin ich Opfer der Fibromyalgie und das will ich nicht.

In der Yoga – Stunde gilt genau das Gegenteil, denn wenn ich Yoga nach diesem Prinzip praktiziere, bin ich im genau falschem Modus, entwickele einen Ehrgeiz, der mir nicht gut tut und der mir den Weg zu mir verschließt. Mein Ehrgeiz und die Anstrengung, erhöhen die Anspannung im ganzen Muskeltonus und verschlimmern die Schmerzen. Inzwischen habe ich gelernt von einen Modus in den anderen zu wechseln. Beim Yoga kann ich loslassen, die Muskeln entspannen sich und ich kann in meinen Körper hinein hören. Ich kann hinter dem Schmerz gucken und eine An – und Entspannung erzeugen. Der Schmerz tritt in den Hintergrund und ich spüre mich, meine Atmung, meine Muskeln und jede kleinste Bewegung. Auf diese Weise habe ich gelernt meine Grenzen zu achten und ihnen Raum zu geben. Mein Yogalehrer Ronny hat die letzte Yoga -Stunde mit folgenden Worten begleitet:

„Yoga ist ein Spiel mit Grenzen!
Spüre deine Grenze und gehe achtsam mit dir um!
Wenn du immer nur denkst: „Grenze, Grenze, Grenze“,
dann ist das eine Einschränkung!
Wenn du mit Achtsamkeit daran gehst, dann ist da plötzlich ein Raum!“

Diese Qualität im Yoga herzustellen hilft mir meine Schmerzen zu bewältigen und oft berühren mich Sätze wie diese zutiefst.

Die Zähne zusammen zu beißen hat unter Umständen sogar schwerwiegende Folgen. Wenn man das ständig macht, ist es schwer zu kontrollieren und sich bewusst zu machen. Daraus kann ein zusätzliches physisches Problem werden, denn auf diese Weise kann das CMDSyndrom entstehen. Für Menschen mit Fibromyalgie ist es wichtig zu wissen, dass sich einige Symptome und vor allem die Schmerzen durch die richtige Behandlung lindern lassen. Symptome, wie Kopfschmerzen, Schwindel, Kiefer – und Gesichtsschmerzen und Ohrenschmerzen sind typisch für das CMD – Syndrom. Physiotherapie, das tragen einer Zahnschiene und Verhaltenstherapeutische Maßnahmen können helfen.

Mein Fazit: je älter ich werde  desto weniger Lust  habe ich nach dem Prinzip „Zähne  zusammen beißen und durch“ zu leben. Ich will mir aber die Kraft, die darin liegt erhalten. Kurzzeitig die Zähne zusammen zu beißen bringt mich in Bezug auf Schmerzbewältigung weiter und hilft mir mein Leben trotz Fibromyalgie zu genießen . Um mich in Balance zu halten, ist es allerdings wichtig täglich aktive Entspannung zu üben. Mehr Infos zu dem Thema Entspannung findet ihr demnächst auf meinem Blog 😊