Lieber Bauch, du hast keinen Hunger – dir ist nur langweilig!

Dieser Spruch auf einer Postkarte hängt an meinem Kühlschrank. Die meisten unserer Gäste finden das lustig, für mich ist die Postkarte aber ein Versuch von vielen, meine Essattacken in den Griff zu bekommen. Ich bin schon länger davon überzeugt, dass ich eine Essstörung habe. Da ich aber eindeutig nicht Magersüchtig bin und auch meiner Meinung nach auch keine Bulimie habe, ist es schwierig eine eindeutige Diagnose zu bekommen. Im Gegenteil, meine Ärztin, sowie meine Therapeutin haben mir immer wieder gesagt: „Sie haben keine Essstörung, bei Ihrer Figur!“

Meine Strategien im Kampf gegen die Essattacken und die Angst vor dem dick werden sind das FastenDiät machen und Kalorien  zählen. Inzwischen kann ich sagen: das sind keine guten und sinnvollen Strategien. Ich habe auf diesem Weg zwar verhindert, dass ich nicht übergewichtig bin, aber mein Essverhalten konnte ich dadurch nicht verändern.

Ich esse einfach zuviel und zu oft! Ich esse, obwohl ich keinen Hunger habe. Mein Gefühl für Hunger und Sattsein ist komplett gestört.

Mein Essverhalten im Alltag sieht so aus: zu den drei Hauptmahlzeiten esse ich mehr, als alle anderen, die mit am Tisch sitzen. Ich kann nicht aufhören und esse weiter, manchmal sogar wenn mir schon schlecht ist. Nach den Mahlzeiten schleiche ich immer wieder zum Kühlschrank oder zur Süßigkeitenschublade, um zu naschen. Erst Süßes, dann etwas Herzhaftes, dann ein bisschen Obst und hinterher noch ein kleines Stück Kuchen. Und ganz besonders schlimm ist es abends auf dem Sofa beim Fernsehen gucken. Verrückter weise kann ich mich auch über Wochen an gesunden Nahrungsmitteln überfressen!

Ich esse und esse und esse, bis mir schlecht ist, meine Magen von innen brennt wie Feuer und ich Sodbrennen bekomme. Auf diese Art und Weise habe ich während unserer zweimonatigen Reise durch Brasilien acht Kilo zugenommen. Der Gang auf die Waage hat mich in eine tiefe Depression gestürzt. Meine Verzweiflung, Wut auf mich selbst und meine Traurigkeit reichen dennoch nicht aus mein Verhalten zu ändern.

Immerhin habe ich dieses mal meine Gefühle ernst genommen und angefangen zu recherchieren und ich glaube meine Essstörung hat einen Namen! Binge eating – heißt diese Störung.

Alle Symptome und Beschreibungen treffen genau auf mich zu. Ich bin fast erleichtert und gleichzeitig total unglücklich. Mir wird zum ersten mal bewußt, dass ich sehr wahrscheinlich ohne Hilfe keinen Ausweg aus der Sucht finden werde. Meine ganzen Strategien sind wirkungslos geblieben, vor allem, weil ich mich selbst belüge und mein Problem klein rede.

Bei meiner Recherche bin ich auf eine hilfreiche app namens Jourvie gestoßen, die von einem Team hier in Berlin entwickelt worden ist. Mit Hilfe dieser app kann ich ganz leicht ein Essprotokoll schreiben und mir dabei gleichzeitig bewußt machen, welche Gefühle ich mit dem Essen verbinde. Ich benutze die app seit ein paar Tagen und finde sie richtig klasse und mit Sicherheit ist sie viel sinnvoller als alle die Kalorienzählapps, die ich vorher benutzt habe, um mein Gewicht zu kontrollieren.

Die app alleine wird jedoch nicht reichen und so habe ich mir einen Termin in der Beratungsstelle Dick und Dünn besorgt. Inwieweit mir das helfen wird, werde ich die Tage berichten.

Mir ist klar, dass meine Essstörung in meiner frühen Kindheit ihren Anfang genommen hat. Ich bin in einem Supermarkt groß geworden und war immer direkt an der Quelle.

Aus Einsamkeit, Traurigkeit, Verlassenheitsängste und dem Gefühl der emotionalen Vernachlässigung wurden ganz schnell Gummibärchen, Eis und Schokolade….