Leben mit einem Handicap – Fibromyalgie

Es ist inzwischen siebzehn Jahre her, als ich meinen Antrag auf Schwerbehinderung beim Versorgungsamt gestellt habe. Damals wurde meine Behinderung mit 30% eingeschätzt. Inzwischen habe ich nach zwei Verschlechterungsanträgen eine Schwerbehinderung von 50% anerkannt bekommen. Nach der Definition von Behinderung bei Wikipedia bin ich demnach

„…dauerhaft und gravierend beeinträchtigt am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben teilzunehmen“ .

Was genau heißt das eigentlich? Bin ich nur zur Hälfte behindert? Bin ich überhaupt behindert? Oder ist eine Hälfte von mir behindert und die andere nicht? Mal ehrlich – welches Amt oder welcher Gutachter kann denn wirklich einschätzen wie stark und zu wieviel Prozent ich mich mit der Fibromyalgie beeinträchtigt fühle? Die Fibromyalgie beeinträchtigt mein ganzes Leben, mein Dasein seit ich mich erinnern und denken kann. Schaue ich zurück auf meine Kindheit wird mir schnell klar, dass die Dauerhaften Schmerzen mich an einer gesunden Entwicklung BEHINDERT hat. Nicht ich bin behindert, ich bin durch diese Erkrankung behindert worden! Behinderung – ich habe starke Probleme mit dem Wort. Für mich steht der Begriff für Stigmatisierung und Ausgrenzung. Außerdem suggeriert der Begriff etwas Negatives, eine Behinderung ist etwas negatives.

Deshalb gefällt mir der Begriff Handicap viel besser. Mit einem Handicap kann ich lernen zu leben. Mein Handicap kann ich in mein Leben integrieren und mit einem Handicap kann ich genauso am gesellschaftlichen Leben teilhaben, wie die sogenannten gesunden Menschen. Und überhaupt: hat nicht jeder auf eine sichtbare oder unsichtbare Weise ein Handicap?

Eine Gesellschaft, in der Menschen mit einem Handicap und vor allem mit einem nicht sichtbaren Handicap immer noch ausgegrenzt und stigmatisiert werden, stelle ich grundsätzlich in Frage. Wie weit entfernt sind wir noch von dem Ideal der Inklusion entfernt ? Meiner Meinung nach ist Inklusion ein Modewort, dass sich modern und fortschrittlich anhört, aber von vielen Menschen nicht verstanden und gelebt wird.

Gleichwertigkeit und Wertschätzung für Unterschiede sind für mich Attribute einer gelungenen Inklusion. Gehört dann aber nicht der Schwerbehindertenausweis abgeschafft? Sollte nicht gerechterweise jeder Mensch einen Ausweis bekommen, in dem festgehalten wird zu wieviel Prozent er der Gesellschaft dienlich sein kann? Oder wie wär es, wenn wir alle einen „HandicapAusweis“ bekommt?